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Thoreau
im Alter
von 39 Jahren. |
Henry David Thoreau
(1817-1862),
amerikanischer Schriftsteller und Philosoph,
lebte in Concord, Massachusetts. Sein Werk „Walden oder Leben
in den Wäldern“ (Walden: or, live in the
woods) gibt einen Bericht über das
Experiment, sein Leben abseits der
Gesellschaft, einfach, bewusst und im
Einklang mit der Natur zu führen, ein
Klassiker und Kultbuch alternativer
Lebensformen.
Seine fundamentale Kritik an politischen
Institutionen formuliert Thoreau in der
Schrift „Pflicht
zum Ungehorsam gegen den Staat“.
Sein gewaltloser Widerstand hat Gandhi und
Martin Luther King beeinflusst. Trotz des
weiten zeitlichen Abstandes war Thoreau
Vorbild vieler Protestbewegungen des 20.
Jahrhunderts. Er
führte zeitlebens Tagebuch, Grundlage aller
späteren Werke, die heute zur Weltliteratur
zählen.
Thoreau lebte
wie er dachte - seine einfache und
bewusste Lebensweise fasziniert viele
Menschen bis auf den heutigen Tag. |

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Thoreaus Hütte
am Waldensee. |
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„Ich habe so oft den Frühling, Sommer,
Herbst und Winter durchlebt, als hätte ich nichts anderes zu
tun, als zu leben. Ich hätte den
ganzen Herbst damit zubringen können, die
sich wandelnde Färbung des Laubes zu
beobachten.“
(Tagebücher 19.09. 1854)
Schon seltsam, dass da jemand behauptet, er
habe im Leben nichts Wichtigeres zu tun, als
zu leben und dann scheinbar sehr unwichtige
Sachen, wie die sich wandelnden Farben des
Laubes, zum Inhalt seines Lebens macht.
Mit 16 Jahren nahm Thoreau an der
Harvard-University ein Studium
der Philosophie und Literatur auf;
später verließ er freiwillig den
Schuldienst, weil er nicht bereit war, sich
der üblichen Prügelpädagogik zu unterwerfen.
Er führte ein Leben als Einzelgänger,
unverheiratet, Querkopf und Querdenker,
Gesellschaftskritiker, Naturbeobachter und
war,
von heute aus gesehen, ein Pionier
für Umweltschutz und alternative
Lebensweise, unangepasst und
bedürfnislos, sensibel und geduldig.
In den Augen
seiner Mitbürger war Thoreau ein Faulpelz,
der allerdings, ohne dass es jemandem
sonderlich aufgefallen wäre, in seiner Dach-
kammer einige Werke der Weltliteratur
verfasste. „Gearbeitet“ hat er selten, nie
länger als sechs Wochen im Jahr, meistens
als Landvermesser
und Bleistifthersteller. Er
hatte keine Zeit zum Arbeiten. Er hatte
Wichtigeres zu tun. Er benötigte
all seine Zeit, um intensiv
zu leben.
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Einer seiner berühmten
Zeitgenossen, der
Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, machte
im
September 1842 – Thoreau war damals 25 Jahre
alt – folgende Eintragung in sein Tagebuch:
„Mr. Thoreau war gestern Abend bei uns zum
Dinner.
Er ist ein einzigartiger
Charakter, in dem noch viel
wilde, originale Natur verblieben
ist. Er ist ein
eifriger und feinfühliger Naturbeobachter,
und die
Natur
scheint ihn im Gegenzug für seine Liebe als
ihr besonderes
Kind zu adoptieren und zeigt ihm
Geheimnisse, die wenig andere erspähen
dürfen.
Er ist bekannt
mit Tier, Fisch und Reptil und er
weiß merkwürdige Geschichten über Abenteuer
und freundliche Begegnungen mit diesen
niederen Brüdern der Sterblichkeit zu
erzählen. Kraut
und Blume sind jedenfalls seine nahen
Freunde.
Intim ist er auch mit den Wolken und kennt
die Vorankündiger von Gewittern. – Ein
charakteristischer Zug ist, dass er sich so
sehr um das Andenken an die Indianerstämme
kümmert, deren wildes Leben ihm zugemessen
gewesen wäre; und eigenartig, er geht selten
über ein gepflügtes Feld, ohne Pfeil-
und Speerspitze oder andere Relikte des
roten Mannes aufzusammeln – als ob dessen
Geist ihn zum Erben seines einfachen
Reichtums bestimmt hätte.“ |
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Die
Gedenkstätte
für Henry David
Thoreau am
Waldensee in
Concord,
Massachuesets |
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Mit 27 Jahren,
am Unabhängigkeitstag, dem 04. Juli 1845, verläßt Thoreau
Concord und zieht in eine selbstgebaute
Hütte am Waldensee, wenige
Kilometer von Concord entfernt. Dort will er
sich
dem Leben ausliefern, sich einer radikalen
Selbsterfahrung stellen, und, wenn möglich,
sein gesamtes Dasein neu formulieren und
Grundsätze
einer authentischen Lebensweise finden:
„Ich zog in die Wälder, weil ich bewusst
leben,
mich nur mit den wesentlichen Dingen des
Lebens auseinandersetzen und zusehen wollte,
ob ich das nicht lernen konnte, was es mich
zu lehren hatte, um nicht auf dem Sterbebett
einsehen zu
müssen, dass ich nicht gelebt hatte.
Ich wollte
nicht das leben, was kein Leben war,
denn das Leben ist so kostbar; noch wollte
ich Entsagen üben, wenn es nicht
unumgänglich nötig war. Ich
wollte tief leben, alles Mark des Lebens
aussaugen und so standhaft und
spartanisch
leben, um
alles, was nicht Leben war,
davonzujagen“ (Walden, S. 98). |
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Eine Grundfigur
in Thoreaus
Leben und Denken ist die Verweigerung.
Er ist weder bereit, sich in die
heraufziehende Arbeitsgesellschaft
einzureihen, noch gewillt, die gängigen
moralischen Standards
zu übernehmen.
„Leben ohne
Prinzipien“, lautet ein posthum
veröffentlichter Essay. Wenn Thoreau
allerdings
von einem Leben ohne Grundsätze spricht, tut
er das als Mensch
von Grundsätzen. Sein Prinzip ist
nicht Prinzipienlosigkeit, sondern eine Absage an
die Konventionen seiner Zeit. |
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Ein Leben nach den Regeln des gesunden
Menschenverstandes ödet ihn an.
Grundsätzliches Ziel seiner Verweigerung ist
es, bevormundende Ansprüche zurückzuweisen;
freien Raum für sich selbst zu gewinnen,
einen Raum, den das Individuum benötigt, um
darin selbstverantwortlich leben zu können.
In seinen Werken geht geradezu ein Feuerwerk
blitzender Imperative nieder: „Wachse wild
- beaufsichtige dich nicht ständig - geh
deinen Ahnungen nach - lass
nichts zwischen dich und das Licht treten
- sei nicht geizig mit dir – jage deinem
Leben nach – respektiere die Menschen nur
als Brüder – genieße
das Land, doch besitze es nicht –
sei mit Entschlossenheit, was du bist – lass
die Gesellschaft nicht das Element sein, in
dem du schwimmst – arbeite mehr an dir
selbst – mach
deinen Lebensunterhalt nicht zu deiner
Arbeit, sondern zum Spiel –
vereinfache dein Leben – tu, was du wirklich
liebst – koste die Welt aus und verwandle
sie dir an – lass dich vom Schoss der Erde
tragen – nimmt dich in Zucht, um dich der
Liebe hinzugeben.“
Insgesamt Appelle,
die er an sich selbst, an jeden richtet und
deren Quintessenz
stets darauf hinausläuft: Führe
ein dir entsprechendes Leben, biete
deine gesamte Kraft und Kunst auf, um dem
Leben und seiner Fülle Stand zu halten,
entwickle eine dir entsprechende
Lebenskunst.
Thoreaus Leben ist nicht denkbar ohne sein politisches
Engagement. Im Sommer 1846, während
er noch in Walden lebte, weigerte er sich,
die längst fällige – zwar niedrige –
sogenannte „Kopfsteuer“ zu entrichten, die
dazu diente, den seiner Ansicht nach
ungerechten Krieg der Vereinigten Staaten
gegen Mexiko zu finanzieren. Der zuständige
Polizeibeamte, übrigens ein Freund Thoreaus,
forderte ihn letztmalig auf, die Zahlung zu
leisten. Er war sogar bereit, sie ihm
persönlich vorzustrecken. Thoreau lehnte ab.
Der Mann verhaftete ihn schließlich, und
Thoreau verbrachte die Nacht im Gefängnis.
Nachts soll sein väterlicher Freund Emerson
ihn dort besucht haben. Er soll ihn gefragt
haben: „Henry, warum bist Du hier?“ Thoreau
entgegnete: „Waldo, warum bist Du nicht
hier?“ -
In seiner Schrift „Über die Pflicht zum
Ungehorsam gegen den Staat“ verarbeitete er
diese Erfahrung: „Muss der Bürger auch nur
einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem
Gesetzgeber überlassen? Wozu hat
denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich
finde, wir sollten erst
Menschen sein, und danach
Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor
dem Gesetz pflegen, sondern vor
der Gerechtigkeit“ (Pflicht zum
Ungehorsam gegen den Staat, S. 15). |
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Grabstein von
Henry David
Thoreau auf dem
Friedhof in
Concord |
Henry David Thoreau wurde 44
Jahre alt. Die letzte Eintragung in sein
Tagebuch machte er am 3. November 1861.
Wenige Monate später, am 6. Mai 1862, starb
er an Tuberkulose.
Henry Miller schrieb über ihn: „Es gibt kaum
ein Dutzend Namen in der Geschichte
Amerikas, die mir etwas bedeuten. Thoreau
ist einer von ihnen. Er war jene Art von
Menschen, die, gäbe es mehr von ihrer Sorte,
bald alle Regierungen überflüssig machen
würde. Dies ist meines Erachtens die höchste
Entwicklungsform des Menschen, die eine
Gesellschaft hervorbringen kann. Und deshalb
zolle ich Thoreau grenzenlose Achtung und
Bewunderung.“ (Henry Miller, Von der Unmoral
der Moral und andere Texte, rororo 4396). |
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